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Weil
am Rhein (jas). In der bis auf den letzten Platz voll besetzten
Jahnhalle feierten zahlreiche Gäste am Samstagabend das 120-jährige
Bestehen des Weiler Turnvereins 1884 und Angelika Schilling. Sie
erhielt beim Neujahrsempfang der drei Altweiler Traditionsvereine
Stadtmusik, Gesangverein und Turnverein, für ihre engagierte
Integrationsarbeit den Giuseppe-Indri-Preis.
Seit zehn
Jahren lädt das Vereinstrio zum Neujahrsempfang in die Jahnhalle
- immer dann, wenn einer der drei einen runden Geburtstag feiert.
Nach fünfjähriger Pause, gab das 120-jährige Bestehen
des Turnvereins den Anlass. Die Festrede hielt Jan Merk, der Leiter
des Markgräfler Museums in Müllheim. Er ging dabei - ganz
im Sinne von Giuseppe Indri, dem früheren Ehrenmitglied der
drei Vereine - auch auf die integrative Kraft der Vereine ein.
Wie TV-Vorsitzender Ulrich Obrist vor zahlreichen Vereinsmitgliedern,
Vertretern der Ausländerorganisationen, Gemeinderäten
sowie Gästen aus Lörrach betonte, wird sich der Turnverein
zum runden Geburtstag zwar in die Jubiläumsfeiern zum 75-jährigen
Stadtrecht Weil am Rheins einreihen, sich aber das große Feiern
und die vereinseigene Festschrift für 2009 aufheben. Dann wird
der Turnverein 125 Jahre alt. Die Vorbereitungen laufen bereits,
wozu auch der eigene Internet-Auftritt gehört.
Zuvor steht
in Alt-Weil kommendes Jahr ohnehin das 50-jährige Bestehen
der Jahnhalle an, die nach wie vor den Status von Ersatz-Stadthalle,
Stadtteilhalle und Turnhalle in einem hat. Das dürfte eine
Zeit lang noch so bleiben - ein Bürgerhaus ist kaum in Sicht.
Dem Turnverein
zollten auch die Vorsitzenden der Stadtmusik, Josef Büchele,
und des Gesangvereins, Kurt Ernst, ihre Reverenz. Ernst wies auch
auf das 170-jährige Bestehen des Gesangvereins in zwei Jahren
hin. Mit dem Kinderchor und dem gemischten Chor - beide unter Leitung
von Karl Gehweiler - bemüht sich der Traditionsverein mit dem
Wandel der Gesellschaft Schritt zu halten. Der Gemischte Chor unter
Leitung von Karl Gehweiler und die Stadtmusik, dirigiert von Dieter
Steiniger, unterhielten abwechselnd die Gäste und zeigten Teile
ihres großen Repertoires
Nach der Preisübergabe
an Angelika Schilling durch die Tochter von Giuseppe Indri, Anita
Werner, und der Laudatio von Gabriele Errerd, der Leiterin der Rheinschule
in Friedlingen, betonte OB Wolfgang Dietz in seinem Schlusswort,
dass sich Tradition nicht nur im Bewahren erschöpfen könne:
"Veränderungen von heute sind vielleicht schon der Beginn
künftiger Traditionen". Zu den Veränderungen zähle
auch, dass sich der kommunale Einsatz in vielen Bereichen nicht
mehr finanzieren lasse. Deshalb sollte jeder Bürger einen Beitrag
für eine lebenswerte Stadt leisten.
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Turnverein
im Spiegelbild gesellschaftlichen Wandels
Museumsleiters Jan Merk zum 120-jährigen Bestehen des TV Weil:
Integrative Kraft und Rolle der Frauen
(jas). Als
Spiegelbild gesellschaftlichen Wandels zeichnete Jan Merk, der Leiter
des Markgräfler Museums in Müllheim, die Geschichte des
Weiler Turnvereins 1884 nach. Entstanden wie viele Vereine in der
Umbruchzeit von der bäuerlichen zur industriellen Gesellschaft,
waren die Anfänge auch im ehemaligen 2000-Seelen-Dorf Weil
nicht gerade einfach. Der fürstlichen Obrigkeit waren Vereinsgründungen
schließlich suspekt - wie bürgerliche Selbstbestimmung
überhaupt. Mit gemischten Gefühlen habe man deshalb auf
die 14 Mann geblickt, die sich 1884 zusammentaten, um sich dem Turnen
im Geiste Friedrich Ludwig Jahns zu widmen. Aber trotz der Widerstände
und Rückschläge habe sich der Turnverein zu einem der
ältesten und verdienstvollsten Vereinen im Markgräflerland
entwickelt. Heute zählt er rund 1000 Mitglieder. Im Jahr 1912
wurde ein Turnplatz erworben, 1922 die erste Halle gebaut, 1955
die heutige Jahnhalle.
Gerungen wurde auch im Weiler Turnverein um die politische Ausrichtung,
so etwa 1920 / 21. Zunächst gab es eine Mehrheit zum Beitritt
in die Arbeitersportbewegung, im Jahr darauf wurde sie mit dem Wiedereintritt
in den Markgräfler Turngau rückgängig gemacht. Im
Ersten Weltkrieg gab es kurzzeitig eine "Jugendwehr" zur
militärischen Früherziehung, Gleichschaltung und Führerprinzip
folgten während der Nazizeit, in der viele Vereinsmitglieder
im Zweiten Weltkrieg starben.
Bei der Wiedergründung
im Jahr 1950 hatte allerdings auch der Frauensport schon eine gewisse
Tradition im Weiler Turnverein. 1922 wurde die erste Damenriege
gegründet, in der sich 34 aktive und acht passive Frauen zusammenfanden.
Das sei ein großer Schritt nach vorne gewesen, auch wenn Frauen
entsprechend ihrer gesellschaftlichen Stellung sich noch vor allem
den Familienabenden, dem Verschönern der Vereinsfahne und der
Pflege des Fotoalbums widmeten. Der Frauenturnwart war selbstredend
männlich.
Der eigentliche
Aufschwung der Frauenabteilung erfolgte 1950 unter der Frauenturnwartin
Emma Paolini, 1953 übernahm dann für 30 Jahre Thilde Käfer.
Nach 1984 haben sich in Hildegard Söllner, Gertrud Frey, Annette
Wegener und Gisela Trapp engagierte Mitstreiterinnen gefunden.
Als wichtige
Entwicklung bezeichnete Merk die eigenständige Ausrichtung
des Frauenturnens, das kein Abklatsch des Männerturnens wurde.
So gab und gibt es neben den Wettkampfdisziplinen spezielle Angebote
für Frauen jeden Alters, vom Mutter-Kind-Turnen über Hausfrauengymnastik
bis zum Jazztanz. Auch im Angebot des TV spiegelt sich der gesellschaftliche
Wandel, so Merk. Heute habe der TV Weil mehr weibliche als männliche
Mitglieder - auch im Vorstand.
Im Verlauf
ihrer Geschichte habe sich, so Merk, deutlich gezeigt, woher ein
Großteil der Attraktivität und die Chance der Vereine
und auch des Turnvereins liegen: in der Integrationsfähigkeit
unterschiedlicher Menschen und der Möglichkeit, die Vereine
jedem geben, in bürgerschaftlicher Selbstorganisation sinnvoll
das eigene Leben zu gestalten.
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Gabriele
Errerd: Nationalität
nie ein Thema
(jas). Das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kulturen,
Sprachen, und sozialen Schichten zu fördern - Integrationsarbeit
eben dort zu leisten, wo Hilfe not tut, steht im Vordergrund von
Angelika Schillings Wirken. Nicht nur für Kinder ausländischer
Familien ist das wichtig, sondern auch für andere, die benachteiligt
sind und am Rande der Gesellschaft stehen, betonte Gabriele Errerd,
die Leiterin der Rheinschule, die beim Neujahrsempfang der Traditionsvereine
in der Jahnhalle die Laudatio auf die Giuseppe-Indri-Preisträgerin
hielt. Errerds Rede war auch ein Plädoyer für Friedlingen:
Nicht die vielen Ausländer seien das Problem, sondern Kinder,
die keine verlässlichen Sprach- und Verhaltensmuster mehr erfahren
und deren Familienstruktur weggebrochen ist.
Für Angelika Schilling war Nationalität nie ein Thema,
wuchs sie doch in verschiedenen Ländern auf, wo sie mit ihren
Eltern als Ausländerin lebte. Seit 1987 wohnt Angelika Schilling,
die 1980 nach Weil am Rhein zog, in Friedlingen. Von Anfang an engagierte
sie sich dort im Kindergarten, später in der Grundschule im
Elternbeirat. Wie selbstverständlich half sie bei der Umgestaltung
des Schulhofs, bei Feiern und der Wandmalaktion zum Thema "Urwald"
mit 300 Kindern, zumal Wandmalerei ohnehin eine ihrer Leidenschaften
ist - wie das Theaterspielen. Mit einer Kindergruppe der Rheinschule
studierte sie ein Stück für das Kulturprojekt "Friedlinger
Frieden" ein.
Leidenschaftliches
Engagement für Kinder
Als Vorstandsmitglied im Kulturverein Kesselhaus probt sie derzeit
mit Kindern und Jugendlichen ein Stück zum Irakkrieg ein. "Medienkrieg
oder Kriegsmedien" werde im März Premiere haben, so die
Schulleiterin, die das konstruktive und kritische Engagement der
Preisträgerin hervorhob.
Angelika Schilling leitete zudem den Mutter-Kinder-Kreis der Friedensgemeinde,
und führt seit Jahren das Kinderturnen des Kraftsportvereins.
Sie gehört auch zum Kreis der Frauen, die Kindern aus Weißrussland
nach dem Tschernobyl-Brand zu einem Erholungsurlaub nach Friedlingen
einladen und sie ist Mitglied in der Friedlinger Stadtteilrunde.
Nicht immer
freilich war der Einsatz von Angelika Schilling erfolgreich - zuletzt
musste sie den Kampf für den Erhalt der Friedlinger Bücherei-Zweigstelle
als verloren hinnehmen. Darauf ging die Geehrte auch in ihrer Dankesrede
ein, in der sie alle aufforderte, "offen aufeinander zuzugehen".
Bei allen Sparzwängen sollten Politiker immer auch an die Folgen
denken.
Anita Werner,
die Tochter von Giuseppe Indri, überreichte schließlich
den Preis, dem der Bildhauer Ruedi Schmid aus Riehen Gestalt gegeben
hat. "Ihre Arbeit ist unendlich wertvoll für die Stadt,
sie haben eine gute Saat gesät", betonte Werner
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