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WEIL AM
RHEIN (tm). Zum vierten Mal und nach fünf Jahren Pause veranstalteten
die Altweiler Traditionsvereine am Samstag wieder einen Neujahrsempfang.
Er findet immer dann statt, wenn einer der drei Vereine, Gesangverein,
Turnverein und Stadtmusik, einen runden Geburtstag feiert.
Dieses Jahr
begeht der TV sein 120-jähriges Bestehen, weshalb Vorsitzender
Ulrich Obrist eine Vielzahl von Bürgern und eine große
Zahl von Ehrengästen in der vollbesetzten Jahnhalle begrüßte.
Der Empfang eröffne auch die Ereignisse im Jubiläumsjahr
zur 75-jährigen Erhebung zur Stadt und Umbenennung von Weil/Rh.
in Weil am Rhein. Die Jahnhalle werde nächstes Jahr 50 Jahre
alt, und noch immer sei sie Ersatzstadthalle, Stadtteilhalle und
Turnhalle, sagte Obrist.
Beim ersten
Neujahrsempfang vor zehn Jahren hatte der Gesangverein seine ersten
Auftritt als gemischter Chor, erinnerte dessen Vorsitzender Kurt
Ernst. Manches habe sich seither verändert, mittlerweile habe
der Gesangverein auch zwei Jugendgruppen. Stadtmusik-Vorsitzender
Josef Büchele lobte die bemerkenswerte Arbeit, die der TV und
sein Vorsitzender Obrist machen.
Vierzehn junge
Männer haben 1884 auf dem Platz hinter der Kirche den Turnverein
gegründet, nahm Jan Merk, Leiter des Markgräfler Museums
Müllheim, in seinem Festvortrag die bemerkenswerte Vereinsgeschichte
auf. Heute sei Sport ein selbstverständlicher Bestandteil des
täglichen Lebens, doch vor 120 Jahren sei das nicht so gewesen.
Gründung
des TV : Die 14 Männer stießen auf Verständnislosigkeit
Zwar habe es
schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts erste Ansätze gegeben,
"Leibesübungen" zu propagieren. 1819 entstand der
Bürgerturnverein Basel, doch der 1844 gegründete Freiburger
Turnverein wurde bald darauf schon wieder verboten, nachdem sich
etliche Mitglieder als Demokraten an der Badischen Revolution 1848/49
beteiligt hatten, berichtete Merk. Ende des 19. Jahrhundert wurden
jedoch viele Vereine gegründet, so auch in Weil. "Doch
in dem damals kaum 2000 Einwohner zählenden Rebdorf sah man
mit gemischten Gefühlen auf die 14 Mann, die sich da zusammentaten",
sagte er. Kritik und Verständnislosigkeit schlug ihnen von
Bürgern und Gemeindeverwaltung entgegen.
Trotzdem nahm
der Verein eine erfolgreiche Entwicklung. War der Sport zunächst
reine Männersache, wurde 1922 eine "Damenriege" gegründet
mit sofort 34 aktiven und acht passiven Frauen. Ein eigenes Profil
entwickelte das Frauenturnen jedoch erst in der Nachkriegszeit.
Unter der mehr als 30-jährigen Ägide von Thilde Käfer
kamen immer mehr Angebote hinzu. "Heute liegt der TV Weil mit
mehr weiblichen als männlichen Mitgliedern im Trend",
hielt Merk dazu fest.
"Tradition
ist es nicht, die Asche zu bewahren, sondern das Feuer weiterzutragen,
auch Traditionen haben einen Anfang, und nichts ist immer schon
so gewesen. Veränderungen, die heute beginnen, können
der Anfang neuer Traditionen sein", stellte OB Dietz in seinem
Beitrag heraus. Die Gründung des Turnvereins, von der damals
nicht alle begeistert waren, sei eine Pioniertat gewesen: "Es
braucht alle Jahre Pioniergeist. Nicht alles, was in den 60er Jahren
richtig war, wird auch in den nächsten 20 Jahren noch richtig
sein", fasste er Aspekte des Fortschritts zusammen.
Die Stadtmusik
unter der Leitung von Dieter Steininger und der Gesangverein unter
der Leitung von Karl Gehweiler gaben dem dem Neujahrsempfang mit
ihren Vorträgen einen überaus überzeugenden Rahmen.
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Wie
man in Friedlingen ein Zeichen setzt
Das Beispiel Angelika Schilling
WEIL AM RHEIN (tm). Angelika Schilling erhielt beim Neujahrsempfang
der Altweiler Traditionsvereine den von diesen und der Familie Indri
schon länger ausgelobten Giuseppe-Indri-Preis. Er wird verliehen
an Persönlichkeiten, die sich ehrenamtlich in besonderer Weise
für die Integration von Ausländern einsetzen. Giuseppe Indri
war Ehrenmitglied in allen drei Vereinen und ein Musterbeispiel geglückter
Integration, sagte Ulrich Obrist.
Gabriele Errerd,
Rektorin der Rheinschule Friedlingen, hielt die Laudatio auf Angelika
Schilling. Schon vor elf Jahren, als sie Schulleiterin wurde, sei
Angelika Schilling im Elternbeirat gewesen, und sie sei es noch
heute, stellte Errerd fest. "Friedlingen ist kein Nobelvorort.
Es ist ein traditionelles Arbeiterviertel, und es leben dort seit
über 40 Jahren viele Menschen, die nicht Deutsch als Muttersprache
sprechen. An der Schule sind es mittlerweile über 60 Prozent",
berichtete Gabriele Errerd. Angelika Schilling, die ihre Kindheit
mit den Eltern in verschiedenen Ländern verbrachte und immer
selbst Ausländerin war, zog 1987 nach Friedlingen. "Es
zeigte sich in Kindergarten und Schule, dass das Problem eben nicht
die vielen Ausländer sind. Unser Problem sind Kinder, die in
ihren Familien keine verlässlichen Sprach-und Verhaltensmuster
mehr erfahren, Kinder aus Familien, in denen die virtuelle Welt
mehr zählt als das Gespräch, Kinder, deren Familienstruktur
weggebrochen ist", sagte die Schulleiterin. Schon im Bereich
des Kindergartens, dann auch bei der Rheinschule habe Angelika Schilling
sich im Elternbeirat engagiert. Sie und das Lehrerkollegium schätzen
Angelika Schilling als kritische, aber immer konstruktive Mitarbeiterin,
deren Wertschätzung sie sich gewiss sein können, sagte
Errerd. Die Preisträgerin lebe auch das Miteinander von Kulturen,
Sprachen und sozialen Schichten vor. Dabei stelle sie nicht sich,
sondern die Sache in den Vordergrund. Sie sei so auch stark für
die Zweigstelle der Stadtbücherei engagiert, die auch eine
Hilfe zum Deutsch lernen für ausländische Kinder gewesen
sei. Leider habe sie mit anderen Männern und Frauen dann am
Ende doch erfolglos um den Erhalt gekämpft, sagte Gabriele
Errerd, setzte so aber auch ein Zeichen, dass der Erfolg eben nicht
immer das Maß der Dinge ist.
Anita
Werner übergibt Giuseppe-Indri-Preis
WEIL AM RHEIN (BZ). Anita Werner, Tochter von Giuseppe Indri, übergab
den nach ihrem Vater benannten Preis an Angelika Schilling. "Alle
Menschen sind gleich gemacht", zitierte sie den Dalai Lama.
Kinder erlebten das auch so, erst später kämen, manchmal
aus Unverständnis, manchmal weil sie die Erwachsenen dann kopierten,
Ressentiments auf. Unsere Kultur und unser Sport wären arm
ohne Ausländer, stellte Angelika Schilling als Preisträgerin
dazu fest . Es liege ihr auch weiterhin am Herzen, dass ausländische
Kinder eine Chance bekämen: "Wir können immer voneinander
lernen, wenn wir aufeinander zugehen, von beiden Seiten", das
sieht sie als Verpflichtung und Chance zugleich .
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