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Turnverein Weil 1884 e.V. - Neujahrsempfang 2004


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Badische Zeitung vom Montag, 19. Januar 2004

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Im Dreiklang die Tradition

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Was drei Altweiler Vereine zum Fortschritt beitragen

Angelika Schilling erhielt von den Altweiler Traditionsvereinen den Giuseppe-Indri-Preis: Stadtmusik-Vorsitzender Josef Büchele, TV-Vorsitzender Ulrich Obrist, Angelika Schilling mit Tochter, Gabriele Errerd, die die Laudatio hielt, Festredner Jan Merk und Kurt Ernst, Vorsitzender des Gesangvereins

WEIL AM RHEIN (tm). Zum vierten Mal und nach fünf Jahren Pause veranstalteten die Altweiler Traditionsvereine am Samstag wieder einen Neujahrsempfang. Er findet immer dann statt, wenn einer der drei Vereine, Gesangverein, Turnverein und Stadtmusik, einen runden Geburtstag feiert.

Dieses Jahr begeht der TV sein 120-jähriges Bestehen, weshalb Vorsitzender Ulrich Obrist eine Vielzahl von Bürgern und eine große Zahl von Ehrengästen in der vollbesetzten Jahnhalle begrüßte. Der Empfang eröffne auch die Ereignisse im Jubiläumsjahr zur 75-jährigen Erhebung zur Stadt und Umbenennung von Weil/Rh. in Weil am Rhein. Die Jahnhalle werde nächstes Jahr 50 Jahre alt, und noch immer sei sie Ersatzstadthalle, Stadtteilhalle und Turnhalle, sagte Obrist.

Beim ersten Neujahrsempfang vor zehn Jahren hatte der Gesangverein seine ersten Auftritt als gemischter Chor, erinnerte dessen Vorsitzender Kurt Ernst. Manches habe sich seither verändert, mittlerweile habe der Gesangverein auch zwei Jugendgruppen. Stadtmusik-Vorsitzender Josef Büchele lobte die bemerkenswerte Arbeit, die der TV und sein Vorsitzender Obrist machen.

Vierzehn junge Männer haben 1884 auf dem Platz hinter der Kirche den Turnverein gegründet, nahm Jan Merk, Leiter des Markgräfler Museums Müllheim, in seinem Festvortrag die bemerkenswerte Vereinsgeschichte auf. Heute sei Sport ein selbstverständlicher Bestandteil des täglichen Lebens, doch vor 120 Jahren sei das nicht so gewesen.

Gründung des TV : Die 14 Männer stießen auf Verständnislosigkeit

Zwar habe es schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts erste Ansätze gegeben, "Leibesübungen" zu propagieren. 1819 entstand der Bürgerturnverein Basel, doch der 1844 gegründete Freiburger Turnverein wurde bald darauf schon wieder verboten, nachdem sich etliche Mitglieder als Demokraten an der Badischen Revolution 1848/49 beteiligt hatten, berichtete Merk. Ende des 19. Jahrhundert wurden jedoch viele Vereine gegründet, so auch in Weil. "Doch in dem damals kaum 2000 Einwohner zählenden Rebdorf sah man mit gemischten Gefühlen auf die 14 Mann, die sich da zusammentaten", sagte er. Kritik und Verständnislosigkeit schlug ihnen von Bürgern und Gemeindeverwaltung entgegen.

Trotzdem nahm der Verein eine erfolgreiche Entwicklung. War der Sport zunächst reine Männersache, wurde 1922 eine "Damenriege" gegründet mit sofort 34 aktiven und acht passiven Frauen. Ein eigenes Profil entwickelte das Frauenturnen jedoch erst in der Nachkriegszeit. Unter der mehr als 30-jährigen Ägide von Thilde Käfer kamen immer mehr Angebote hinzu. "Heute liegt der TV Weil mit mehr weiblichen als männlichen Mitgliedern im Trend", hielt Merk dazu fest.

"Tradition ist es nicht, die Asche zu bewahren, sondern das Feuer weiterzutragen, auch Traditionen haben einen Anfang, und nichts ist immer schon so gewesen. Veränderungen, die heute beginnen, können der Anfang neuer Traditionen sein", stellte OB Dietz in seinem Beitrag heraus. Die Gründung des Turnvereins, von der damals nicht alle begeistert waren, sei eine Pioniertat gewesen: "Es braucht alle Jahre Pioniergeist. Nicht alles, was in den 60er Jahren richtig war, wird auch in den nächsten 20 Jahren noch richtig sein", fasste er Aspekte des Fortschritts zusammen.

Die Stadtmusik unter der Leitung von Dieter Steininger und der Gesangverein unter der Leitung von Karl Gehweiler gaben dem dem Neujahrsempfang mit ihren Vorträgen einen überaus überzeugenden Rahmen.


 

Wie man in Friedlingen ein Zeichen setzt

Das Beispiel Angelika Schilling


WEIL AM RHEIN (tm). Angelika Schilling erhielt beim Neujahrsempfang der Altweiler Traditionsvereine den von diesen und der Familie Indri schon länger ausgelobten Giuseppe-Indri-Preis. Er wird verliehen an Persönlichkeiten, die sich ehrenamtlich in besonderer Weise für die Integration von Ausländern einsetzen. Giuseppe Indri war Ehrenmitglied in allen drei Vereinen und ein Musterbeispiel geglückter Integration, sagte Ulrich Obrist.

Gabriele Errerd, Rektorin der Rheinschule Friedlingen, hielt die Laudatio auf Angelika Schilling. Schon vor elf Jahren, als sie Schulleiterin wurde, sei Angelika Schilling im Elternbeirat gewesen, und sie sei es noch heute, stellte Errerd fest. "Friedlingen ist kein Nobelvorort. Es ist ein traditionelles Arbeiterviertel, und es leben dort seit über 40 Jahren viele Menschen, die nicht Deutsch als Muttersprache sprechen. An der Schule sind es mittlerweile über 60 Prozent", berichtete Gabriele Errerd. Angelika Schilling, die ihre Kindheit mit den Eltern in verschiedenen Ländern verbrachte und immer selbst Ausländerin war, zog 1987 nach Friedlingen. "Es zeigte sich in Kindergarten und Schule, dass das Problem eben nicht die vielen Ausländer sind. Unser Problem sind Kinder, die in ihren Familien keine verlässlichen Sprach-und Verhaltensmuster mehr erfahren, Kinder aus Familien, in denen die virtuelle Welt mehr zählt als das Gespräch, Kinder, deren Familienstruktur weggebrochen ist", sagte die Schulleiterin. Schon im Bereich des Kindergartens, dann auch bei der Rheinschule habe Angelika Schilling sich im Elternbeirat engagiert. Sie und das Lehrerkollegium schätzen Angelika Schilling als kritische, aber immer konstruktive Mitarbeiterin, deren Wertschätzung sie sich gewiss sein können, sagte Errerd. Die Preisträgerin lebe auch das Miteinander von Kulturen, Sprachen und sozialen Schichten vor. Dabei stelle sie nicht sich, sondern die Sache in den Vordergrund. Sie sei so auch stark für die Zweigstelle der Stadtbücherei engagiert, die auch eine Hilfe zum Deutsch lernen für ausländische Kinder gewesen sei. Leider habe sie mit anderen Männern und Frauen dann am Ende doch erfolglos um den Erhalt gekämpft, sagte Gabriele Errerd, setzte so aber auch ein Zeichen, dass der Erfolg eben nicht immer das Maß der Dinge ist.

 

Anita Werner übergibt Giuseppe-Indri-Preis

WEIL AM RHEIN (BZ). Anita Werner, Tochter von Giuseppe Indri, übergab den nach ihrem Vater benannten Preis an Angelika Schilling. "Alle Menschen sind gleich gemacht", zitierte sie den Dalai Lama. Kinder erlebten das auch so, erst später kämen, manchmal aus Unverständnis, manchmal weil sie die Erwachsenen dann kopierten, Ressentiments auf. Unsere Kultur und unser Sport wären arm ohne Ausländer, stellte Angelika Schilling als Preisträgerin dazu fest . Es liege ihr auch weiterhin am Herzen, dass ausländische Kinder eine Chance bekämen: "Wir können immer voneinander lernen, wenn wir aufeinander zugehen, von beiden Seiten", das sieht sie als Verpflichtung und Chance zugleich .